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Andere Stimmen, andere Räume – Schlingpflanzen Realismus

So oft schon an seinen Büchern vorbeigegangen aber immer gab es da einen andere Schriftsteller, der gerade wichtiger schien. Jetzt also, mit 39, endlich Capotes Erstlingswerk und gleich diese unerhörte Stimme! Lyrisch, mystisch, vor allem aber: unvorhersehbar. Diese exzentrische, wulstige Prosa, in der überall Libellen surren und Flieder wuchert. Wundervoll. Wundervoll.

Zu einer Zeit, als die Literaturwelt sich großflächig auf die sprachliche Knappheit eines Hemingways geeinigt hatte, wagt dieser junge Schriftsteller eine tonliche Fülle, eine Halluzination, wie sie nur wenige über zwanzig Seiten durchhalten. Mit Charakteren, die einen bis auf die Straße verfolgen und mit jeder Seite eine undurchdringlichere Welt.

Dank der schlicht-schönen Pocketreihe des Kein & Aber Verlags mit ihren eingefärbten Buchrändern, über die ich mich jedes Mal wieder freue, habe ich Truman Capote und seine von allem losgelöste Sprache endlich kennen gelernt. Endlich. Einzigartig.

Kein & Aber, 256 Seiten.

Pedro Páramo – Komplexes Unwohlsein

Ein Buch wie ein merkwürdiger Traum. Eine Wüste als Kulisse, ein verlassenes mexikanisches Dorf, in dem die Toten die Lebenden empfangen, um ihnen ihre Version der Geschehnisse anzuvertrauen.

Die einfache, fast menschenleere Poesie, die zusammen mit dem Staub und den schiefgegangenen Lebensentwürfen durch alle Ritzen dieses untergegangenen Dorfes weht. Ein Junge, der seinen Vater sucht. Ein Vater, der sich das Genick gebrochen hat. Sein Pferd, das nicht aufhört, diesen Sturz zu rekapitulieren und die Frauen, die sich durch seinen Tod betrogen fühlen. Juan Rulfo hat mit diesem kurzen, verwirrenden Roman den magischen Realismus vorweggenommen. Ein albtraumhaftes Mosaik, das einem eine Langsamkeit in der Betrachtung auferlegt, die entleerend und erhebend zugleich ist. Meisterhaft. Nachwirkend. Seltsam.

Suhrkamp, 170 Seiten.

2666 – Eine fantastische Unverschämtheit

Was macht dieses Buch so bemerkenswert? Roberto Bolaño wagt sich mit seinem Opus Magnum hinaus in literarisches Niemansland.  An Orte, wo bisher schreibend vor ihm niemand hingekommen ist. Dabei kann man beobachten, wie er mit jedem Einfall souveräner untergeht. Wie grandios er sich an seinem eigenen Versuch verhebt, während er Dinge wagt, die vor ihm so noch keiner gewagt hat. Dass sein Buch dabei auseinanderfliesst, dass er dabei scheitert, macht das Buch möglicherweise noch besser. Ein Autor, der Literatur als Wagnis versteht und vor dem weltumspannenden Werk nicht zurückschreckt.

Fischer, 1200 Seiten.

Leichensammler – So etwas wie ein Maßstab

Juan Carlos Onetti ist vielleicht der größte Schriftsteller aller Zeiten. Ein writer’s writer wie man so sagt, denn die große Anerkennung des Publikums ist ihm weitesgehend verwehrt geblieben. Um so mehr bewundert ihn jeder Südamerikaner, der sich jemals mit dem Schreiben auseinandergesetzt hat. Juan Carlos Onetti erzeugt Sätze, die so einzigartig, so düster, so neu sind, dass man nach jeder zweiten Seite das Buch erschöpft beiseite legen muss.

Nie hat es einen schöneren, einen traurigeren, das Glück und die Bestimmungen des Menschseins ablehnenderen Schriftsteller gegeben. Durs Grünbein nennt ihn »den großen monolithischen Meister des 20. Jahhunderts neben Faulkner und Kafka.« Zurecht.

Suhrkamp, 280 Seiten.